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Die
Suche nach einer repräsentativen Limousine der Oberklasse war lange Zeit
einfach und kurz. Ein Mercedes musste es sein. Ob Adenauer, später 300 SEL
6.3 oder gar der unglaubliche 600, die Schwaben waren das Maß der Dinge.
Sicherheitslenksäule, Fahrgastzelle mit Knautschzone, Dreipunktgurte, ABS,
ASR, ESP, die Liste der heute in jedem Kleinwagen selbstverständlichen
Ausstattungen, welche in der S-Klasse ihre Weltpremieren hatte könnte man
beinahe beliebig verlängern.
Heute
sieht die Situation etwas anders aus: die S-Klasse ist zwar immer noch ein
Auto das Maßstäbe setzt, doch die Konkurrenz ist nun auf Augenhöhe und
manchmal auch voraus. Wie zum Beispiel BMW, die 1987 im 750i den ersten
Zwölfzylinder der Nachkriegsgeschichte präsentierten und 2001 mit dem
iDrive-Konzept die Bedienung im Innenraum revolutionierten. Oder Audi, die
mit dem A8 die Aluminium-Karosserie in die Großserie brachten und fortan mit
progressivem Design und hohem Technik-Anspruch den behäbigen Touch der
großen Limousinen bekämpfen.
Bleibt
Volkswagen. Seit 2002 läuft der Phaeton im sächsischen Dresden vom Band um
ein gewichtiges Wort im automobilen Oberhaus mitzureden. Wobei „vom Band
gerollt“ der falsche Ausdruck ist, denn „vom Parkett“ wäre eher passend.
Volkswagen hat extra für das große Flaggschiff eine gläserne Manufaktur
errichtet, in der die Luxuslimousine in weiten Teilen von Hand und für
jedermann von außen sichtbar, Schritt für Schritt liebevoll montiert wird.
Trotz seines geschichtsträchtigen Namens – Phaeton war der gleichnamige Sohn
des Sonnengottes Helios, der im Mythos mit dem ihm außer Kontrolle geratenen
Sonnenwagen seines Vaters einen Weltuntergang verursachte – fällt dem großen
VW seit 2002 eher wenig Aufmerksamkeit zuteil. Warum eigentlich?
Vielleicht liegt es
wirklich an der Erscheinung. Klassisch ist er - klassisch schön: klare
Linien, keine Effekte, keine Provokation. Eleganz ist wohl das passende
Wort. Da wo ein Siebener-BMW dreist sein mächtiges Hinterteil ins Bild
drängt, ein Audi-A8 mit bösem Single-Frame-Kühlergrill um Anerkennung fleht
oder die Mercedes-S-Klasse mit breiten Kotflügeln die Muskeln spielen lässt,
da tritt der Phaeton diskret zurück. Manche Kunden mögen ihn deshalb
verschmähen, andere (wenige) – und wir gehören definitiv dazu – sehen gerade
diesen Umstand als großen Vorteil.
Natürlich,
gänzlich ungeschminkt kann auch der Phaeton nicht aus dem Werk rollen und so
ziert seit dem moderaten Facelift 2007 ein charakteristischer LED-Lidstrich
die Frontpartie. Zusätzlicher Chrom wurde an der Front angebracht und die
Felgendesigns dem Zeitgeist angepasst. Im Innenraum blieb zum Glück alles
beim Alten: Holz, Leder und Chrom. Mehr braucht es nicht. Ein Arrangement
aus ähnlichen Materialien findet man sonst höchstens noch bei Bentley und
Rolls-Royce (wobei Ersterer nach Markenzugehörigkeit nicht wirklich zählen
kann). Doch edel geht es bei der deutschen Oberklasse-Konkurrenz auch zu,
was also macht den Unterschied zum Phaeton aus?
Es ist die Klarheit und
die Kompromisslosigkeit mit der man in Dresden den Phaeton zusammenbaut.
Kein TFT-Black-Matrix-Tachodisplays, die mannigfaltige Anzeigeoptionen
bieten, sondern sechs chromgefasste Rundinstrumente. Ist es nicht etwas
Tolles, wenn man am Sonntagmorgen den Motor startet und mit 22°C
Öltemperatur und 30°C Wassertemperatur genau über die Befindlichkeit der
Maschine Bescheid weiß? Wenn die Tür mit einem abgrundtiefen Wumm ins
Schloss fällt, dass jede Zweifel über die Abschottungswirkung sofort
hinfällig sind, oder die Fahrt erst nach dem herzhaften Zug an einem echten
Wählhebel beginnt?
Es
ist nicht so, als dass wir Fortschritt verurteilen, aber irgendwas ist
entrückt in den letzten Jahren: Natürlich ist es toll, dass wir statt eines
kiloschweren Telefonkoffers unser Handy nun in der Hosentasche tragen
können, aber brauchen Sie wirklich die Quadband-HSDPA-UMTS-3G-Konnektivität
mit Internet-Zugang überall, die Acht-Megapixel-Kamera mit eingebautem Twitter-Share, die gigabyteweise gespeicherten Musiktitel, personalisierte
Menühintergründe und auf den Anrufer angepasste Klingeltöne? Oder gar ein
neues Handy, nur weil die nächste Generation ein bisschen schicker ist? Dann
stehen sie sicher auch auf Full-1080p-HD-TV, speichern alles in Ihrem
Harddisc-Recorder und lassen sich später per HDMI-Signal über ihren
42-Zoll-Black-Panel-LCD-Fernseher und die 7.1 Dolby-Surround-Heimkinoanlage
berieseln.
Natürlich ist es schön alle Songs und Videos der Welt live und in Farbe auf
einem iPhone zu haben, doch manchen Sie es sich stattdessen einmal gemütlich
und legen eine Schallplatte auf, deren Signale über eine Accuphase-Endstufe
an eine B&W Nautilus 800 weitergereicht werden und lauschen.
Genau
das ist der Phaeton. Nicht langweilig und altbacken – er ist besser. Ein
Auto, dessen Solidität in der heutigen Zeit beinahe unerreicht ist. Der
selige Mercedes W140 kann ihm in dieser Disziplin vielleicht das Wasser
reichen, die moderne Konkurrenz macht hier keinen Stich. Sind die Türen
einmal geschlossen hält der Phaeton seine Insassen so abgeschottet wie kein
Zweiter. Es ist diese Ruhe, die zuerst auffällt. Kein Geräusch von draußen
dringt durch die schweren Türen und doppelverglasten Scheiben, kein
störendes Geräusch von Warnpiepsern, Klimaanlage, Reifen oder Fahrwerk gibt
es zu vermelden, selbst der von uns getestete Basis-Diesel übt vornehme
Zurückhaltung (in den meisten Fällen).
Derart
umsorgt lernt man die mannigfaltig verstellbaren, auf Wunsch sogar
massierenden Komfortsitze zu schätzen, die zur Referenzklasse der
Fahrzeugbestuhlung gehören. Ohne Ermüdungserscheinungen kann man mit ihnen
jede Distanz meistern, wie überhaupt das ganze Auto für die große Fahrt
gebaut ist. Der Phaeton V6 TDI gleitet dank adaptiver Luftfederung selbst
über drittklassige Fahrbahnbeläge ausgesprochen geschmeidig und der
240-PS-Selbstzünder sorgt jederzeit für angemessenen Vortrieb.
Natürlich
erwartet niemand von einer 2,3 Tonnen schweren Limousine mit Allradantrieb
ausgeprägte Talente auf sportivem Terrain, doch zumindest in der dynamischen
Dämpfereinstellung spürt man einen engagierteren Phaeton. Wenngleich der
Dreiliter große V6 bei harter Fahrweise doch etwas zu hektisch wirkt. Zu oft
ist er in zu tiefen Gängen und sucht sein Glück in der Drehzahl. Das
Antritts-Ergebnis der 500 Newtonmeter geht objektiv natürlich voll in
Ordnung, aber es will nicht so recht zum eigentlichen Charakter des Phaeton
passen. Ständiges Zurückschalten zeugt nicht gerade von jener Souveränität,
die man sonst überall im Auto findet.
Zurücklehen ist deshalb
angesagt, Fuß vom Gas und die adaptive cruise control arbeiten lassen. Zügig
ziehen die Kilometer vorbei und das Dynaudio-System verwöhnt mit angenehm
abgestimmten Lautsprechern. Kein Wummer-Bass versucht sich in der
Vordergrund zu rücken, keine schrillen Höhen stören den Musikgenuss –
saubere Bühnenabbildung und respektable Dynamik lassen den Aufpreis
gerechtfertigt erscheinen. Auch das neue Radio-Navigationssystem RNS 810
verdient dieses Lob, obgleich es mit seinem Touchsreen-Monitor beinahe zu
neumodisch für den alten Phaeton ist. Dennoch: Dank Fingerbedienung erspart
man sich den leidigen Multifunktions-Drehregler und kann trotzdem schnell und
sicher durch die Menüs steuern.
Ums
Steuern dreht sich sowieso fast alles beim Phaeton. Jede Funktion hat ihren
eigenen edel beleuchteten Knopf – bei 40.000 Eurp Sonderausstattungen, die
unser Testwagen mitbrachte, sind das schon ein paar – ein kleines Piktogramm
zur Erklärung, fertig. Alles ist so simpel, so aufgeräumt und durchdacht,
dass es schwerfällt Kritikpunkte zu finden.
Natürlich
braucht es keinen Luftentfeuchter in der Klimaanlage, keine
Scheinwerferwaschdüsen die nicht gleichzeitig, sondern nacheinander die
Lampen reinigen um so den Durchblick immer zu gewährleisten, oder aus dem
Vollen gefräste Haubenaufsteller an der Heckklappe oder gar das elektrisch
wegklappende Schloss im Kofferraumdeckel, doch es sind genau diese Dinge,
die den Phaeton in der Summe zu diesem einzigartigen Automobil machen.
Und hier kommen wir zum
einzig wirklichen Schwachpunkt des Phaeton: niemand nimmt ihn wahr. Auf der
Straße findet er sich ebenso selten wir in Vorstandstiefgaragen oder im
Fuhrpark erfolgreicher Unternehmer. Warum ist das so? Wir können nur
mutmaßen. Vielleicht liegt es gerade an der Unauffälligkeit des großen VW’s
– er macht den Kunden einfach zu wenig her. Wer 100.000 Euro in ein Auto
investiert der möchte von der Masse auch als etwas Besonderes angesehen werden:
als Macher, Lenker oder gar VIP und nicht als VW-Fahrer.
Wie
kommt VW aus diesem Dilemma heraus? Eine edle Verpackung muss her, ein
bisschen mehr Aufmerksamkeit, ein bisschen mehr Blingbling, dann klappt es auch
mit den Verkäufen. Doch der Neue wäre dann kein „Phaeton“ mehr, sondern nur
noch eine luxuriöse Limousine, die sich im Kampf mit dem Zeitgeist von ihren
Idealen entfernt hat. Und das wäre schade. Sehr schade.
Technische
Daten:
Modell: VW Phaeton V6 TDI
4motion
Motor: 6 Zylinder Diesel,
2967cm³
Leistung: 240 PS
Drehmoment: 500
Newtonmeter
Antrieb: Allrad, Sechsgang
automatisch,
Verbrauch: 10,7L / 100 Km
Diesel
0-100km/h: 8,3 sek.
Vmax: 233 km/h
Preis: ab 65.100 Euro
(Testwagen: 105.811 Euro)
Text: Fabian Mechtel
Bild: Tim Stolzenburg |