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Hamburg,
01.09.2009: Wenn schon nach 20 Kilometern sportlich
gefahrener Landstraße der Schweiß übers Gesicht läuft, das T-Shirt
klatschnass und die Frisur im Ar... ist, sich gleichzeitig aber ein breites
Grinsen von Ohr zu Ohr zieht, dann liegen möglicherweise einige Minuten am
Steuer des Renault Sport Spider hinter Ihnen.
Selten bin ich
ein so kompromissloses Spaßmobil gefahren. Seitenscheiben? Fehlanzeige.
Windschutzscheibe? Nur gegen Aufpreis. ESP oder Servolenkung gibt's nicht
mal für Geld oder Stoßgebete und für ein Radio ist erst gar kein
Einbauschacht vorgesehen. Angereichert wird diese Komposition von
"nichtvorhandenen Dingen" mit einem 147 PS starken
Zweiliter-Vierzylinder im Heck des nur 965 Kilogramm schweren Extrem-Roadsters
(ohne Scheibe: 930 kg). Übersetzt man das Ergebnis für einen Musikfreund,
dann der Spider bestenfalls als brutales Stück von Disturbed oder Metallica durch, mit
sanftem Rock'n Roll hat dieser Wagen jedenfalls nichts im Sinn. Hier wird waschechter Metal
der ersten Jahre gegeben. Das sieht man schon beim Einstieg. Der Blick fällt
sofort auf die im Rohzustand belassenen Alu-Streben des Chassis,
überflüssiges Verkleidungsmaterial oder gar Dämmung sucht man hier
vergeblich.
Auch einen
außen angebrachten Türöffner finde ich nicht. Brauch ich auch nicht.
Schließlich gibt's eh kein Dach, und so greife ich in den Innenraum und benutzte
den innen liegenden Türöffner. Butterweich schwingt das "Türchen" nach oben,
ich fädel mich ein ein und ziehe den Einstieg zu. Lenkrad, Schaltknauf,
großer Drehzahlmesser - fertig. Reicht doch. Der Sitz lässt sich zwar nicht
in der Höhe verstellen, doch wenn die Sitzpolster rausgerupft werden, guckt
selbst der über 1,90 große Tim (unser EVOCARS-Fotograf) nur noch rund zehn
Zentimeter über die aufpreispflichtige Windschutzscheibe. Nur mit Mühe kann
ich mir bei diesem Anblick ein Grinsen verkneifen (sorry Tim :-)). Doch
nachdem wir die Plätze getauscht haben, ich das Prinzip des Rückwärtsgangs
erklärt bekommen habe - den Schaltknauf nach links drehen und dann den
Wahlhebel nach links oben schieben -, geht's auf die Piste.
Kein zweites
Mal habe ich mich bisher von harmlosen Fahrleistungen, festgehalten auf
einem Blatt Papier, so in die Irre führen lassen. Wenig beeindruckende 6,9
Sekunden für den Standard-Sprint und 215 km/h verrät mir das Datenblatt. Was
sich auf der Straße abspielt, degradiert diese Zahlen allerdings zur
Nichtigkeit. In Ermangelung einer Servolenkung muss ich am Steuer des Spider
richtig arbeiten, und die ebenfalls unterstützungsfrei arbeitende Bremse will
garstig getreten werden. Schon bei der Fahrt vom Hof schleicht sich das
Lächeln auf die Lippen. Eh ich es auf den Landstraßen der Eifel krachen
lasse, gehe ich noch einmal die Spezifikationen des wohl extremsten Renault
aller Zeiten durch:
Der Motor des
bereits 1995 vorgestellten und schon im 1999 eingestellten Spider stammt aus
dem mehrfach aucgezeichneten Renault Clio Williams. Das Aggregat wurde aber für den Einsatz im puristischen
Roadster gründlich überarbeitet und sitzt nun mittig platziert direkt hinter
den beiden Insassen. Er leistet 147 PS und schickt sein 185 Newtonmeter
ungefiltert an die Hinterachse. Das Fahrwerk des nur etwa 2000
Mal gefertigten Spider besteht aus einer Einzelradaufhängung: vorne aus
doppelten Dreieckslenkern und hinten aus Dreiecksquer- und -längslenkern,
verstärkt durch Stabilisatoren. Vorne sind die Federbeine quer und liegend
eingebaut, um die geringe Bauhöhe der Karosserie zu ermöglichen. Für
vernünftige, renntaugliche Verzögerung sorgt die ursprünglich im Alpine 610
Turbo verbaute Scheibenbremsanlage. Ok, dann kann's ja losgehen.
Ich
verlasse die Basis-Station auf einem alten Luftwaffen-Flughafen und
kämpfe die ersten hundert Meter mit der zwar um acht Zentimeter
verstellbaren aber aufgrund des schwer zu treffenden Schleifpunktes und des
biestigen Gaspedals etwas zickigen Pedalerie. Doch wenn der Hobel läuft,
dann gibt's kein Halten mehr. Ich reihe mich hinter einem Trike ein, dessen
Fahrer ihre Umwelt mit tierisch lauter "Rocker-Musik" beschallen und so versuchen,
den Käfermotor im Heck zu übertönen. Hilft nicht! Ich schalte runter in den
Zweiten, ignoriere das Überholverbotsschild (mit so einem Gammel-Trike-Dings
vor der Nase kann doch keiner ruhig leben) und hau das Pedal aufs Blech. Aus
den beiden mittig platzierten Endrohren dringt ein heiseres Fauchen an mein
Ohr. Diese Klangoffenbarung könnte zwar gerne noch etwas wonniger komponiert
sein, doch angesichts der verdrehten Köpfe in der Eifel-Provinz bekommt der
Sound immerhin noch die Note 2-3.
Nachdem das Ortschild hinter mir und das Landstraßen-Geschlängel vor mir
liegt, will ich's wissen. Fest packe ich das Lenkrad, hau aufs Gas und
durcheile die fünf Gänge. Der Drehzahlmesser in der Mitte zeigt den roten
Bereich bei etwa 7000 Umdrehungen und damit steht das Schaltprogramm
fest. Schon bei Tempo 100 wütet ein böser Sturm im Cockpit, dem meine Haare
nur dank des massig aufgetragenen Gels trotzen. Bei 130 Sachen wird der Spider
bei diesen Landstraßenverhältnissen beängstigend unruhig, und bei Tempo 180 bekomme ich gehend Angst. Gut,
dass die Straßen wie leergefegt sind. Dann nähert sich die erste Kurve und
ich bremse etwas ängstlich runter. Kurz vor der Rechtsbiegung kann ich dass
Ende einsehen und steige wieder aufs Gas. Geschafft. Bei der nächsten
Richtungsänderung bin ich mutiger, bleibe länger auf dem rechten Pedal und
lasse mir den Sturm weiter ins Ohr brüllen. "Verdammt!" Diese Kurve ist eine
Kehre und ich bin viel zu schnell. Beherzt steige ich auf die Bremse, hoffe,
dass die Räder nicht blockieren und habe Pech. Sie blockieren. Mit leicht
quietschen Pneus und etwas wedelndem Heck tänzel ich auf die Kurve zu,
werfe das Heck rum und trete wieder aufs Gas. Willig schiebt der Hintern
rum, ich bleibe sogar auf meiner Spur und der Wahnsinn hat mich gepackt.
Porsche 911, BMW M3 und Mitsubishi Lancer Evo X sind tolle Autos, aber das
unverfälschte Fahrerlebnis bieten sie nicht mehr. Der Spider spendiert
jedoch eine Extra-Dosis dieser Droge.
Nach nur 20 Minuten bin ich kochgar. Das Hemd ist durch, in den Ohren piepst
es und die Hitze im Rücken ist fast unerträglich. Ich rolle auf das
Flughafengelände zurück und stelle den Renault Sport Spider stolz ab. Ja,
ich bin stolz. Stolz, dass ich mich für 20 extreme Minuten der
Herausforderung "Spider" gestellt, die Straße wirklich erlebt und
den Wagen heile wieder abgeliefert habe. Noch ein paar Minuten stehe ich
neben dem Roadster, lasse die letzten Kurven Revue passieren. Also mal
ehrlich: DIESER Renault hat meine Wahrnehmung für die französische Marke mit
dem Rhombus verändert. Soviel Sport hätte ich den Jungs garnicht zugetraut.
Obwohl ich vom
Clio RS Cup durchaus angetan war und bin!
Erst nach einigen weiteren Minuten steige ich in den nächsten "Sport"-Vertreter,
den Renault zu diesem Treffen in der Eifel mitgebracht hat - einen Twingo
RS. Der hat zwar mit 133 PS faste ebensoviele Ponys unter der Haube
wie der Spider, aber irgendwie ...
Technische Daten:
Modell: Renault Sport
Spider
Motor: Vier Zylinder Benzin,
1998 ccm
Leistung: 147 PS bei 6000
U/min
Drehmoment: 185 Nm bei 4500 U/min
Antrieb: Heck, Fünfgang
manuell
Verbrauch: 9,3 L/100 Km
Super
0-100km/h: 6,9 Sekunden
Vmax: 215 km/h
Preis mit
Windschutzscheibe: 58.300 DM (1996)
Text: Jan
Pics: Tim |