Driven: Opel Astra 1.6 Turbo Modell 2010



Hamburg

Hamburg, 19.10.2009: Opel bläst mit seiner zehnten Kompaktwagengeneration erneut zum Angriff. Nach sechs Generationen Kadett folgt nun die vierte Edition des Opel Astra. Erneut stärkster Konkurrent dürfte der VW Golf sein. Der tritt seit kurzem in der sechsten Generation an und hat daher auf dem Papier schon mal das Nachsehen. Schließlich weiß jedes Kind: Zehn ist größer als sechs. Doch gilt das auch für die Welt des Automobils, oder ist Quantität nicht gleich Qualität? EVOCARS hat für Sie die aktuelle Topmotorisierung des neuen Rüsselsheimers getestet und ist auf einige Überraschungen gestoßen.

 

Imposante Erscheinung.

Frankfurt Flughafen. Mit schwarzer Karte in der Hand begebe ich mich direkt von der offiziellen Astra Pressekonferenz zum Parkplatz. Im Rennsport würde dieses Schwarz jetzt eine Disqualifikation bedeuten, in diesem speziellen Fall aber steht es für die Fahrberechtigung der Topmotorisierung – einem 180 PS starken Astra in der Farbe schwarz. Ein Omen, oder doch nur Zufall? Bevor ich das herausfinde, bestaune ich erst noch das Blechkleid. Erwachsen steht er da, der neue. Er wirkt runder, durchgestylter und formvollendet. Dass er in alle Himmelsrichtungen gewachsen ist, fällt dabei gar nicht auf. Man sieht, Opel hat sich richtig Mühe gegeben bei ihrem wichtigsten Modell.  Unweigerlich muss ich an den Golf denken, und einige Zahlenspiele schießen mir durch den Kopf. Aber Mathe war noch nie meine Stärke – schon viel eher das Fahren.

 

Also schnell reingesetzt und Platz genommen im sportlich bequemen Gestühl. Sofort fällt auf: nette Ambient-Beleuchtung begrüßt mich in freundlichem Rot. Und das sieht nicht nach ATU-Leuchtröhren-Tuning aus, sondern richtig edel. Respekt Opel, mit diesem kleinen aber feinen Detail habt ihr mich voll erwischt. Und die Detailverliebtheit geht weiter: Viele kleine Sicken und Kanten, geschwungene Formen und hochwertige Materialien geben ein stimmiges Gesamtbild, das zwar technisch kühl ist aber trotzdem Wohlfühl-Atmosphäre schafft. Ja, dieses Auto ist von innen schon verdammt nah dran am Insignia. Allerdings besitzt es auch kleinere und größere Schwächen: Die stark angeschrägte Konsole schafft zwar viel Raumgefühl, wirkt aber wenig sportlich direkt ein wenig van-artig und könnte grade bei den späteren sportlich ambitionierten OPC Modellen stören. Und auch der zweite Kritikpunkt gilt der Mittelkonsole: Durch unzählige Knöpfe wirkt sie leicht überladen, nicht klar unterteilt. Grade bei sportlichem Fahren ist es schwierig, die passenden Knöpfe zu bedienen.

Aber was rede ich von sportlichem Fahren, steht der Astra doch mit ausgeschaltetem Motor und all seiner Design-Dynamik noch immer sehr undynamisch herum. Deshalb flugs am Zündschlüssel gedreht, der bereits ein klares Statement ist: Trotz vielen neuen Technikspielereien ist auch das geblieben, was sich bewährt hat. Kein Start-stop Knopf, danke Opel.  Vielleicht wäre aber eben dieser im Falle des neuen Astra ganz sinnvoll gewesen, denn ich bin mir nicht wirklich sicher, ob der Motor beim Drehen des Zündschlüsselns bereits läuft. Das hat zwar Golf Niveau, zeigt klasse Cruising-Qualitäten - ist allerdings auch ein Vorbote dessen, was mich erwartet. Also gut, dann mal rein ins Frankfurter Rush-hour Getümmel.

Allround qualitäten.

Im Stadtverkehr fährt sich der Astra auffällig unauffällig. Er ist wie schon geahnt ein klasse Cruiser und sorgt für Entspannung im Start-Stopp Verkehr. Nur:  Eignet er sich auch zum Heizen? Vielleicht sogar für die Rennstrecke? Um das herauszufinden lautet die erste Etappe: Autobahn!

Und da wird sofort eine Schwäche klar, die sich wie ein roter Faden durch die gesamten zwei Testtage zieht:  Der Motor fühlt sich einfach nicht an wie 180 PS. Und das bestätigen auch die Leistungsdaten des 1,6-Liter-Vierzylinder-Turbos. Er trägt die knapp 1,4 Tonnen des Astra in 8,5 Sekunden auf 100 km/h – 0,5 Sekunden langsamer als ein 0,2 Liter kleinerer Golf VI 1.4 TSI mit 20 PS weniger. Insgesamt fehlt es dem Astra-Aggregat gefühlt in jedem Bereich – wenn auch nur leicht – an Leistung. Astra Fans, die einen wirklich schnellen Kompaktwagen suchen, sollten also auf höher motorisierte Modelle warten. Und da können wir uns in Zukunft wohl auf einige Knaller einstellen.  Während der zwei Testtage begann für uns das heitere Rätselraten. Da wurde von möglichen hochmotorisierten Dieseln jenseits der 200 PS gesprochen, vom Zweiliter-Selbstzünder-Turbo aus dem Insignia, der 220 PS an die Räder weiterleitet, von einem OPC-Modell das jenseits der 300 PS angesiedelt sein könnte und damit in direkter Konkurrenz zum Überflieger Focus RS steht. Alles natürlich rein hypothetisch und immer mit dem neuerdings obligatorischen schielen nach Österreich – zu Magna. Gespannt sein darf man in jedem Fall.

Aber zurück zu „unserem“ Astra. Der zeigt nämlich auch seine Stärken, wie ich gerade an der Autobahn-Ausfahrt merke und beweist, dass ein Motor eben nicht alles ist. Er verzögert gleichmäßig, gibt eine angemessene, wenn auch nicht bravouröse Pedalrückmeldung und lenkt sauber ein. Das Lenkrad lässt das letzte Quäntchen Gefühl für wirklich schnelles Fahren zwar vermissen, dafür zieht der Opel unbeeindruckt und völlig berechenbar wie auf Schienen durch die Kurve. Ein erstes Aufblitzen von Sportlichkeit – jetzt habe ich Blut geleckt.

Fahrdynamische Qualitäten abseits der Längsbeschleunigung.

Um die Fahrbarkeit des Astras am Limit zu testen, schaue ich in das von Opel beigelegte Roadbook. Eine Route über den Feldberg lächelt mich an. Ihre Zacken und Kanten und Kurven und Rundungen versprechen: Das kann lustig werden! Und ich werde nicht enttäuscht. Inzwischen habe ich das von  Opel „Flexride“ getaufte Fahrwerk auf Sport gestellt. Äußerst nett: Die Instrumentenbeleuchtung wechselt von einem dezenten Weiß zu einem aggressiv aufleuchtenden Rot und das Dämpferkennfeld zusammen mit dem Lenkradwiderstand auf Hart. Auf zum Angriff! Kurve um Kurve taste ich mich mit dem äußerst berechenbaren Astra heran. Vielleicht etwas zu berechenbar. Er neigt weder zum Unter-, noch zum Übersteuern. Das macht ihn zwar relativ effizient und auch einfach zu fahren – a ber irgendwie auch langweilig. Wohlgemerkt ist das Meckern auf hohem Niveau. Ein Grund für das stoische Fahrverhalten dürften garantiert die 235er Schlappen, aufgezogen auf schicken 19-Zöllern sein.  Zum Vergleich: Der 305 PS starke Ford Focus RS kommt auf kleineren 225er-Gummies daher. Da fragt man sich: Was kommt da dann erst, wenn eine OPC Version erscheint?

 

Im Moment jedenfalls zeigt sich unser Proband selbst bei grobem Beschleunigen aus engen Kehren mächtig unbeeindruckt, gibt kaum Antriebseinflüsse an den Fahrer weiter, hält seine Linie treuer als so manches Carrera-Bahn-Modell. Anteil daran hat neben den Pneus sicher auch die von Opel neu entwickelte Verbundlenker-Hinterachse, die erstmals mit einem speziellen Watt-Gestänge ausgerüstet ist. Zusammen mit seiner verbreiterten Spur, dem längeren Radstand und  einer insgesamt deutlich erhöhten Karosseriesteifigkeit gibt der neue Astra ein ungemein sportliches Bild ab. Das ist noch nichts besonderes, verdient aber insofern Anerkennung, als dass er dabei stets komfortabel und entspannt bleibt. Für einen Racer wie mich eher langweilig, für die breite Masse aber sicher mehr als Zufriedenstellend. Für alle anderen gilt erneut der Rat: Auf das hoffentlich erscheinende OPC Modell warten, möglichst als Drei-Türer. Der soll übrigens auch optisch deutlich vom Fünf-Türer abweichen, nicht nur als OPC.

Abschließend stellt sich die Frage: ist der Astra also besser als sein möglicherweise härtester Konkurrent, der Golf? Fest steht, er ist nicht schlechter. Vor allem ist er aber eins: anders. Bei der Kaufentscheidung kann also getrost der Geschmack entscheiden. Wer den Astra kauft, bekommt in jedem Fall ein äußerst hochwertiges Auto, das in Sachen Qualitätsanmutung selbst mit Mittelklasse-Fahrzeugen wie dem Insignia locker mithalten kann. Und wenn der Geschmack vom logischen Denken beeinflusst wird, könnten am Ende die Unterhaltskosten das Zünglein an der Waage sein: Sie fallen beim Astra geringer aus als etwa bei einem vergleichbaren Golf VI. Erkauft wird dieser Vorteil mit dem möglicherweise weniger sportlichen Wagen. Was beweist: die schwarze Karte, die ich gerade wieder abgebe, war tatsächlich eine Warnung. Eine Warnung, dringend die Motorenpalette aufzurüsten. Und wenn es soweit ist, wird EVOCARS da sein. Ich freue mich drauf.

Technische Daten:
Modell: Opel Astra 1.6 Turbo
Motor: Vierzylinder, Benzin, 1598 ccm
Leistung: 180 PS
Drehmoment: 230 Nm
Antrieb: Front, Sechsgang manuell,
Verbrauch: 6,8 Liter/100 Km Super
0-100 km/h: 8,5 Sekunden
Vmax: 221 km/h
Preis: ab 22.100 Euro

 

Text: Maximilian Schneider


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