Hamburg, 21.04.2009: Sie betreiben ein schickes Eiscafé auf der Frankfurter Zeil und fragen sich, wie ihr ganz persönlicher Super-GAU bei blauem Himmel und 25°C kurz vor 15.00 Uhr aussieht? Ihr Vanille-Eis ist leer. Jeder Unternehmensberater wird die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sich darüber wundern, wie man das Konsumverhalten seiner Kunde derart falsch einschätzen kann, um zum Zeitpunkt der größten Nachfrage das beliebteste Produkt nicht im Angebot zu haben. Eigentlich ist das wirklich vollkommen unverständlich, schließlich scheint der Laden laut Werbetafel schon etwas länger auf der Zeil zu Hause zu sein. Doch langjährige Erfahrung scheint kein Garant für gute Produktpolitik bei den Italienern zu sein.
Nehmen wir die Automobilebranche als Beispiel: Lancia. Eine Marke, die sich im Ruhm baden könnte und mit Modellen wie der Aurelia, dem Stratos oder dem Delta Integrale wirkliche Meilensteine geschaffen hat. Und heute? Lancia Thesis – sie haben nie davon gehört, geschweige denn einen gesehen? Vielleicht liegt es daran, dass seine Verkaufszahlen exklusiver sind als die jedes Bentleys. Nach Jahren der Modellpflegen und neuen Farbpaletten entschläft er nun still und heimlich und auch seinen Brüdern Musa und Phedra geht es ähnlich. Lancia möchte die Edelmarke spielen. Gedeckte Farben, edle Räder und im Innenraum viel handschuhweiches Wildleder – leider merkt das kaum einer. Nur der kleine Ypsilon kann einen Achtungserfolg erzielen und die Herzen – besonders unseres – der Käufer erobern. Woran liegt das? Vielleicht ist Lancia zu extravagant. Der neue Delta zum Beispiel: eine Revolution in der Mittelklasse. Geschwungene Linien, ein entzückender Hintern, Zweifarblackierung und alle modernen Entertainment-Helfer sind an Bord – doch mit dem Verkauf tut man sich schwer. Vielleicht liegt es daran, dass der Delta-Kunde eher an feuerspuckende Rallye-Monster denkt, die sich böse grollend herzergreifende Renn-Schlachten mit Peugeot 205 und Audi quattro lieferten und eher weniger an Sonderausstattungen wie Platino, Oro oder Argento.
Doch dann gibt es da doch noch Alfa Romeo. Hier schlägt das sportliche Herz der italienischen Autofahrer. Cuore sportivo heißt schließlich das Motto der Alfisti. Doch wo bitte schlägt das sportliche Herz? In einem von GM zugelieferten Sechszylinder sicher nicht und schon gar nicht in einem frontgetriebenen Spyder, dessen Chassis scheinbar aus Blei gegossen wurde. Nein, das ist wahrlich nicht das Erbe einer Giulia Sprint GTA mit ihrer handvernieteten Alukarosse und ihrem einschüchternd kreischenden Doppelnocken-Vierzylinder. Auch Alfa scheint irgendwie in der Sackgasse zu stecken.
Verlernt haben es die Tifosi dann aber doch nicht und nun zeigt die Konzernmutter Fiat höchstpersönlich wie es geht. Der neue Cinquecento ist nichts anderes als ein Meisterstück. Ein Design, das nicht nur die Frauenherzen schmelzen lässt, sondern auch die Fans des „Echten“ überzeugt. Eine Technik, die man vom nimmermüden Panda übernommen hat und zu guter Letzt ein Preis, der ihn für die Masse erschwinglich macht und ihn nicht zum Schickeria-Produkt macht, wie seinen bayrisch-britischen Konkurrenten.
Halt, werden die Kritiker nun rufen und behaupten, dass der Mini in einer völlig anderen Liga spiele. Nun nicht mehr, denn endlich gibt es wieder echten Motor-Sport aus Italien: Fiat zündet mit dem Relaunch der Marke Abarth einen echten Kracher. Der 500 Abarth trägt zwar immer noch sein entzückendes Chrombärtchen an der Front, doch das Fiat-Logo wich dem Skorpion auf gelb-rotem Grund. Vorsicht, giftig! Die tiefe Frontschürze mit ihren gierigen Lufteinlässen, die breiten Schwellerleisten und vor allem das Diffusor-Heck mit den beiden Motorradendrohren lassen keinen Zweifel aufkommen: hier geht es zur Sache. Und das schon beim Anlassen. Nie klangen 1,4 Liter Hubraum lasziver. Grollende Overrun-Patscher künden von herrlich italienischem Umgang mit dem Kraftstoff und auch sonst ist der kleine Abarth stets um den guten Ton bemüht. Kreischend beim Ausdrehen und freudig knallend beim Gangwechsel zaubert er den (interessierten) Außenstehenden ein Lächeln aufs Gesicht. Die anderen gehen lieber in Deckung. Das im Innenraum leider der Großteil des Abgas-Spektakels draußen bleiben muss, kann man angesichts der Detailverliebtheit verkraften. Die passgenauen Sportsitze sind nicht nur mit herrlich anschmiegsamem Leder bezogen, die Nähte tragen sogar kräftig rote Kontrastnähte. So auch das unten abgeflachte Sportlenkrad, dessen Ergonomie ins Lehrbuch für Sattlerei aufgenommen werden sollte. Sogar die Hutze über dem verspielten Hauptinstrument ist lederbezogen und edel vernäht. Der Rest des Innenraums ist solide Großserie. Im Abarth ist zwar der Dachhimmel schwarz eingefärbt um den Fokus auf die Straße zu lenken, ansonsten funktioniert alles unauffällig und nichts fällt aus dem Rahmen. Nichts? Nun gut, die faustgroße Boost-Anzeige mit Schaltblitz und der große Sport-Taster sind dann doch etwas markanter, doch solange man fährt wie die italienische Mama wird man auch mit diesen beiden Besonderheiten keinen großen Unterscheid zum normalo-500er feststellen.
Doch mit der richtigen Gaspedalstellung und einem unerschrockenen Griff an Lenkrad und Schalthebel lässt der kleine Abarth kein Auge trocken. Bissig greift er über 2000 Umdrehungen an und wenn der Lader über 0.8 bar Druck in die Brennräume schaufelt kennt der kernige 500er kein Halten mehr. Er röhrt, poltert und zerrt wild am Lenkrad. Will vor der Kurve hart zusammengebremst werden und sauber in die Kehre geworfen werden, um auf drei Beinen durch den Radius zu balancieren. Am Ausgang tanzen Ladedruck- und Drehzahlanzeige dann wieder um die Wette und das „shift-up“-Licht gibt den Takt vor. Wer den Abarth derart benutzt, kann sich kein herrlicheres Auto vorstellen. Natürlich, ein neuer GTI oder eine Mini Cooper S Works fahren dem kleinen 500 Abarth um die roten Außenspiegel, doch keiner der Konkurrenten zaubert dem Piloten ein derart breites Grinsen auf Lippen. Die anderen sind Ernst, der Abarth ist Spaß – er ist vielleicht nicht der Schnellste, aber mit Abstand der Witzigste.
Beim Anbremsen blinkt er freudig mit dem Warnblinker, vielleicht um dem Fahrer mitzuteilen: „Hey, Otto-Normal-Golf-Fahrer hat hier bereits die Hosen voll“. Und dabei hat man noch nicht einmal die Fahrassistenzsysteme deaktiviert. Auch hier zeigt der Abarth herrlich italienische Raffinesse: Traktionskontrolle aus bedeutet Sperrdifferenzial an. Wer mit ESP unterwegs ist wird den Sinn einer Sperre sowieso nie verstehen… Natürlich ist aber auch beim Abarth nicht alles Gold was glänzt. Die Sitzposition zum Beispiel ist selbst ganz unten noch deutlich zu weit oben und der Geradeauslauf ist bei Tempi über 180 nicht mehr wirklich „geradeaus“.
Aber was soll’s, übel nehmen kann man es dem kleinen Herzensbrecher nicht. Der Radstand ist kurz, das Auto ultra-wendig – das kann einfach nicht geradeaus fahren wie eine S-Klasse. Auch das lässig eindrehende Heck beim Kurvenanbremsen kann man ihm nachsehen, denn genau das unterscheidet den Abarth so herrlich von all den Abwrackprämien-finanzierten Kleinwagenkonkurrenten. Der Abarth ist fantastisch. Ein Auto, das gute Laune macht, das auffällt ohne dabei unangenehm zu werden, ein Auto wie es eben nur die Italiener bauen können. Va bene, il fenomeno!
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