Hamburg, 16.10.2008: Keine Einleitung, keine Erläuterungen, keine Umschweife. Nitro – ein Name, der hält was er verspricht. Das Dodge-SUV polarisiert. Wo er auftaucht verdreht er die Köpfe. Doch was macht den orangefarbenen Geländewagen so besonders? Klare Antwort: sein Styling. Eine Erscheinung wie mit der Axt geschaffen. Keine Kurven, keine fließenden Formen, sondern harte Kanten und Geradlinigkeit. Der fast mannshohe Bug des Nitro mit seinem mächtigen Chromkühlergrill lässt die meisten Kleinwagen an der Ampel aus dem Sichtfeld des Fahrers entschwinden und zur Ölkontrolle gab man kleineren Besitzern eine Trittstufe in Form des vorderen Stoßfängers gleich mit auf den Weg. Quadratisch, praktisch – gut eben! Die mächtigen Radhäuser beherbergen gigantische 20-Zoll-Chromfelgen, die wir bei einer Panne lieber nicht von der Nabe wuchten möchten.Die Seitenlinie wird vom schmalen Fensterband geprägt, das dem Dodge eine Art „Uneinnehmbarkeit“ verleiht. Am schmucklos plumpen Heck hat die Designer etwas der Mut verlassen, denn hier präsentiert sich der Nitro beinahe genau wie sein Bruder Jeep Cherokee und selbst dieser sieht aus wie seine Vorfahren von 1985.
Wenigstens ist der Quader in Sachen Raumökonomie von Vorteil: jeder Transportaufgabe widmet sich der Nitro mit Hingabe und die Rücksitzbank lässt sich nicht nur leicht umklappen, sie bildet auch noch eine ebene Ladefläche. Was jedoch der „load’n’go“ getaufte verschiebbare Ladeboden für einen tieferen Sinn haben soll, hat sich uns im Laufe des Tests nicht wirklich erschlossen. Sperrig fährt er heraus und das auch nicht wirklich weit – lieber also die schweren Gepäckstücke auf einmal hineinlupfen anstatt sie vorher abzusetzen, den Boden rauszufummeln, Sachen draufheben, Boden reinfummeln…
Doch viel mehr Unsinniges gibt es am Dodge eigentlich nicht. Er verzichtet bewusst auf Overengineering und sinnlose Features, stattdessen verwöhnt er mit traditionellen amerikanischen Werten: große und bequeme Ledersessel vorne wie hinten, die mit phänomenal unecht wirkendem Leder bezogen sind und mit völligem Fehlen von Seitenhalt und Unterstützung glänzen. Dass in diesem Auto niemand an Handling und Agilität gedacht hat zeigt auch das Lenkrad. Sein Durchmesser ist gewaltig, wie auch die Multifunktionstasten, die man mit der flachen Hand bedienen kann – einzeln! Auch der Rest des Innenraums ist mit wenigen Schaltern die klar beschriftet und einfach zu erreichen sind in bester Fisher-Price-Manier gehalten. Grund für die wenigen Schalter ist das Multimedia-Bediensystem, das über den großen Touchscreen-Monitor bedient wird. Die Menüführung verlangt zwar etwas Übung, aber jeder, der den Weg zu EVOCARS gefunden hat, wird genug IT-Erfahrung haben um sich schnell eingewöhnen zu können.
Die Ausstattung des Systems kann sich sehen lassen. Eine 20 Gigabyte fassende Festplatte speichert nicht nur Musik im MP3-Format, sondern kann auch Bilddateien im JPG-Format darstellen. Über einen USB-Eingang kann man zusätzlich portable Player an den Nitro koppeln. Neben der Musik kümmert sich das System auch um die zielsichere Routenwahl. Uns gefiel dabei die schnelle Berechnung der Routen, die präzisen Ansagen und die gute Kartendarstellung des Systems. Das Herzstück der Multimediaeinheit sind jedoch die Lautsprecher. Statt wie andere Hersteller den Weg zum guten Klang über aufwändige Klangprozessor, Equalizer und Laufzeitkorrektoren zu gehen, setzt man bei Dodge auf das klassische Rezept hochwertiger, großer Chassis und großzügiger Verstärkerleistung. Der Spezialist Infinity liefert neben den Hochtönern und 16,5cm Tiefmitteltönern auch einen großen 25cm-Subwoofer und diese Kombination ist über jeden Zweifel erhaben. Ob dunkle Hiphop-Bässe oder schneller Punkrock, der Nitro beherrscht jede Musikrichtung und lässt keinen Zweifel an seiner Spaßhörerabstimmung.
Doch was hat das alles in einem Testbericht für einen Mittelklasse-SUV zu suchen fragt ihr? Viel - sehr viel sogar, denn im Falle des Nitro ist das Soundsystem nur ein Beispiel für seine konsequente Zielgruppenausrichtung. Der Dodge ist ein Spaßauto – ohne Hochpreis-Getue, ohne Rennsportausrichtung, ohne Labels, ohne seitenlange Sonderausstattungslisten. Ein Auto wie ein guter Kumpel: Ehrlich, kantig, lässig. Entweder du magst ihn, oder du hasst ihn. Wir jedenfalls mochten ihn sogar sehr. Das sanfte Fahrwerk entkoppelt ihn von den miesen deutschen Straßen und Bestzeiten auf dem Asphalt sucht ein Zwei-Tonnen-Geländeriese höchstens in den Prospekten deutscher Premiumhersteller. Zum Cruiser-Charakter des Nitro passt auch die gemütliche Fünf-Gang-Automatik, die auch ohne Doppelkupplung und Wandlerüberbrückung oder Schnellschaltfunktion für entspannte und unbeschwerte Fortbewegung sorgt.
Unterstützt wird sie vom 2,8-Liter-Vierzylinder-Diesel, der seine 177 PS obenrum zwar nur unwillig von der Leine lässt, aber immerhin schon im Drehzahlkeller 460 Newtonmeter an alle vier Räder schickt. Das diese Lässigkeit, gepaart mit einem Leergewicht von 2,1 Tonnen und dem recht barocken Luftwiderstand leider auch für hemmungslosen Trinkgenuss steht, kann der Dodge nicht verheimlichen. Die neu Liter Normverbrauch erreicht man höchstens im Schiebebetrieb, wobei wir schieben hier wörtlich meinen, weshalb wir darauf verzichtet haben und lieber den echten Alltagsverbrauch getestet haben. Mit runden zwölf Litern lässt sich der Nitro gut bewegen, mehr geht immer, weniger nur bei sehr ruhigem Fahrstil. Hier können die Konkurrenten des Nitro schon deutlich mehr. Die Frage ist, ob man sich im grauen Alltag der xy-Asien-Konkurrenz genauso wohlfühlt wie in unserem amerikanischen Freund.
Auch der Preis schmälert die Freundschaft nicht, denn bei 27.000 Euro beginnt das Nitro-Fahrgefühl und wir sind sicher, dass der nette Dodge-Händler um die Ecke bei echtem Kaufinteresse sicher noch das ein oder andere Prozent verrechnen wird. Günstiger bekommt man soviel Platz, Komfort und vor allem Charakter kaum auf dem deutschen Markt. Wenn Sie also vor dem Kauf eines Mittelklasse-SUV stehen, dann schauen Sie sich neben den RAV4, Santa Fe’s und Sorentos auch mal den Nitro an. Es lohnt sich – versprochen!
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