Hamburg, 12.10.2009: Was passiert, wenn man an ein Schneemobil Räder montiert und auf die Straße setzt? Diese Frage beantwortet der kanadische Bombardier-Konzern mit seinem Can-Am Spyder RS. RS steht für Roadster Sport, und das Ergebnis ist Fahrspaß pur. Das dreirädrige Fahrzeug darf wegen der Breite der vorderen Spur auch mit dem Autoführerschein bewegt werden, sofern der Fahrer sich an die Helmpflicht hält. Offizieller Hersteller des mit 106 PS mehr als ausreichend motorisiertem Leichtgewicht ist Bombardier Recreational Products (= Bombardier Freizeitprodukte), kurz BRP.
Während viele Hersteller das X für ihre Allradmodelle in der Typenbezeichnung führen, hat sich BRP den Buchstaben dahinter im Alphabet auf die Fahnen geschrieben und spricht in der Werbung vom Y-Faktor, um den Dreiradcharakter des Spyder RS zu unterstreichen. Die besondere Fahrwerksgeometrie ist zunächst ein wenig ungewohnt. Auf Anhieb am besten mit dem Spyder zurecht kommen Menschen, die schon einmal Motorrad mit Beiwagen gefahren sind. Auch ansonsten erinnert Einiges an ein Motorrad. Geschaltet wird mit dem linken Fuß, Gas gegeben mit der rechten Hand und gekuppelt mit links. Lediglich das ABS-Bremssystem spielt eingefleischten Motorradfahrern einen Streich, denn es fehlt der übliche rechte Bremshebel am Lenker. Der Can-Am Spyder wird ausschließlich per Fußbremse gestoppt, die auf alle drei Scheibenbremsen gleichzeitig wirkt. Nach zwei, drei Tagen ist aber auch das in Fleisch und Blut übergegangen und die rechte Hand greift nicht beim Abbremsen nicht mehr ins Leere.
Vor dem Start fordert das freundliche Display den Fahrer auf, die Sicherheitshinweise zu lesen. Sie verbergen sich auf einer kleinen herausziehbaren Plastiktafel unter dem Instrumentenschirm und sind der nordamerikanischen Herkunft des Sypder geschuldet. Anschließend darf der Mode-Knopf „M“ gedrückt werden, um zu bestätigen, dass Hinweise wie „Bleiben Sie mit allen Rädern auf Ihrem Fahrstreifen“ oder dass „der Sozius bitte schön die Füße auf den Fußrasten zu stellen hat“, gelesen wurden und beachtet werden. Auch darauf, dass das verbaute Stabilitätssystem nicht verhindern kann, dass der Fahrer die Kontrolle über das Fahrzeug verlieren und sich überschlagen kann, wenn er „die Grenzen des Fahrzeugs“ überschreitet, wird der Can-Am-Pilot hingewiesen. Beim nächsten Mal ist der Fahrer im doppelten Sinne des Wortes gewarnt und drückt gleich den Knopf, damit es auch ohne Lesen losgehen kann.
Der 998ccm-V2 der Bombardier-Tochter Rotax wurde für den Einsatz im Spyder auf 106 PS begrenzt. Das reicht immer noch, um das 317 Kilogramm schwere Dreirad in weniger als fünf Sekunden von null auf 100 km/h zu beschleunigen. Bei 190 km/h Spitze schiebt die Motorelektronik dann weiterem Schub einen Riegel vor. Vom Start weg zieht der V2 mächtig an. Der Spyder RS setzt sich auch ohne Gas geben nach Loslassen der Kupplung bei Leerlaufdrehzahl in Bewegung. Das ist besonders beim Rückwärtsgang von Vorteil, der unterhalb des 1. Gangs liegt und etwas kompliziert zu handhaben ist, so dass die rechten Finger nicht unbedingt auch noch mit dem Gasgriff beschäftigt sein möchten.
Der österreichische Motor eignet sich zum gemütlichen Bummeln bei 60 km/h im 5. Gang ebenso wie für sportliche Beschleunigung. Ab etwa 2700 Umdrehungen dürfen schon getrost die Gänge gewechselt werden. Ab knapp 5000 U/min liefert das Aggregat, das unter anderem auch in der Aprilia RSV 1000 verbaut wird, noch einmal zusätzlich Dampf und dreht mühelos bis weit über 8500 Umdrehungen hoch. Auf der Autobahn pendelt sich die Reisegeschwindigkeit am häufigsten bei 140 km/h ein. Dann dreht sich die Kurbelwelle 6300 Mal in der Minute. Der sonst Vibrationen nicht abgeneigte Motor läuft in diesem Bereich, wo auch das maximale Drehmoment anliegt, recht ruhig und weich.
Im Alltag lassen sich die gemeinsam mit Bosch entwickelten Fahrerassistenzsysteme trotz des Y-Cromosoms nur selten wirklich herausfordern. Am ehesten driftet noch in schnell gefahrenen, engen Kurven das Heck leicht nach außen. Doch die Traktionskontrolle fängt den mächtigen 15-Zoll-Reifen vom Format 225/50 binnen Bruchteilen von Sekunden wieder ein, ehe der Fahrer selbst überhaupt reagieren kann. Das geschieht ebenso unspektakulär wie im seltenen Fall, dass sich eines der Vorderräder bei extremen Richtungswechseln leicht von der Fahrbahn abheben sollte. Sofort greift die Stabilitätskontrolle über das Motormanagement korrigierend ein und bringt durch leichte Leistungsreduzierung den kleinen Ausreißer wieder zurück auf den Boden, ohne dass irgendwo eine ESP-Leuchte wild aufflackert oder sich irgendwo sonst der Eingriff bemerkbar macht.
Die kleine Scheibe entlastet den Oberkörper zufriedenstellend vom Fahrtwind. Freuen darf sich der Can-Am-Besitzer auch über gut gegen Nässe geschützte Füße sowie ein Staufach in der Fahrzeugfront, das 44 Liter Platz bietet und für mehr als nur den Helm reicht. Ende des Jahres will BRP noch eine Touring-Version mit mehr Platz für das Gepäck und höherem Reisekomfort nicht zuletzt auch für den Beifahrer nachschieben. Auch ein Anhänger ist bereits geplant. (ampnet/jri)
Daten: Can-Am Spyder RS Abmessungen: 2,67m x 1,51m x 1,15m Motor: 60-Grad-V2, 998 ccm Max. Leistung: 106 PS bei 8500 U/min Max. Drehmoment: 104 Nm bei 6250 U/min Durchschnittsverbrauch (EU-Norm): 5,6 Liter CO2-Emission: 147 g/km Beschleunigung 0-100 km/h: 4,5 Sekunden Höchstgeschwindigkeit: 190 km/h Leergewicht/Zuladung: 317 kg/ 200 kg Preis: 17.689 Euro
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