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Es
war zu erwarten, dass BMW nach dem Erfolg des X6 erst richtig mit dem
zwittern beginnt. In Lissabon wurde der neue 5er GT präsentiert. Dieser soll
neue Maßstäbe in der luxuriösen Mittelklasse setzen. Eines wurde auf jeden
Fall schon geschafft. Das GT steht für Gran Turismo und trotz des doch recht
polarisierenden Designs hat dieser BMW das Zeug dazu, ein ganz Großer zu
werden.
Kaum am Flughafen in Lissabon angekommen, erhascht mein Blickfeld schnell
den neuen im BMW-Bunde. Ein eifriger Mitarbeiter reißt mir das Gepäck
förmlich aus den Händen und verstaut es in dem großzügigen Schlund des
Kofferraums. Die Silhouette des Bayern wirkt für mich auf den ersten Blick
nicht gerade wie ein Womanizer auf vier Rädern, eher wie der kleine
pickelige kleine Bruder des X6...
Der
erste Blick: Interessant....
Die Außenhülle des BMW 5er Gran Turismo verbindet BMW typische Proportionen
- eine gestreckte Silhouette, eine Coupé-artige Dachlinie sowie vier Türen
mit rahmenlosen Scheiben - zu einer interessanten Einheit. Mit einer Länge
von fünf Metern und einer Breite von 1,90 Meter ist der Gran Turismo alles
andere als zierlich. Dazu kommt eine stattliche Karosseriehöhe von 1,56
Meter. Mit diesen recht imposanten Außenmaßen und dem langen Radstand
platziert BMW den GT direkt zwischen 5er und 7er.
"Glauben Sie mir, dieses Auto muss man erstmal auf sich wirken lassen." wird
mir von den Mitarbeitern vor Ort prophezeit. Meine Antwort lässt kaum mehr
als einen skeptischen Augenaufschlag zu, denn schon wird mir die Tür zum
Fond geöffnet. Auch mal eine neue Art ein Auto kennen zu lernen, nämlich mit
einem Chauffeur.
Seine wahre Stärke:
Der Innenraum
Und es zeigt sich, da haben die Jungs bei BMW mal ganz kreativ gedacht. Denn
hier heißt es: "Den Wagen von Innen nach Außen" kennenlernen. Ein Schelm,
der dabei Böses denkt. Aber alles Lästern über die polarisierende Außenhülle
gerät in Vergessenheit sobald man sich im Fond ausbreiten darf, und das ist
durchaus wörtlich gemeint.
Das Raumgefühl ist trotz der hinten abfallenden Dachlinie fantastisch, nicht
zuletzt dank der hellen Lederausstattung und des riesigen Panoramadachs.
Edle Materialien dominieren das gesamte Interieur, alles sitzt optimal an
seinem Platz. Die bequemen Sitze lassen sich individuell konfigurieren und
zwar auf allen vier Plätzen.
Und das setzt sich im
Fond ohne Punkt und Komma fort. Die Beinfreiheit gleicht der einer
Luxuslimousine. Die optional erhältlichen Monitore glänzen durch eine hohe
Auflösung und gute Farbwiedergabe. Mittels einer Fernbedienung lassen sich
die Monitore separat steuern. So kann Klein Tim sich den neuesten
Disney-Streifen anschauen während sich die pubertierende Melanie im Internet
vergnügt. Auch der Fahrkomfort inklusive der angenehmen Stoß-Dämpfung lässt
kaum Wünsche offen. In keiner anderen BMW Limousine mit Ausnahme des BMW 760
in der Langversion fühlt man sich als Fahrgast wohler.
Der
zweite Blick: die Sympathie wächst...
Am Hotel angekommen fühle ich mich fast versucht im versnobten Unterton:
"James, öffnen Sie mir doch bitte die Tür" zu rufen, so erhaben fühle ich
mich nach diesem Ausritt. Ich kann es mir zum Glück gerade noch so
verkneifen. Kaum ausgestiegen gönne ich mir jetzt einen detaillierteren
Blick auf das Blechkleid.
Die Frontansicht
vermittelt Dynamik, nicht zuletzt durch die Präsenz der aufrecht stehenden
BMW Niere, der großen Lufteinlässe und schräg gestellten
Doppelrundscheinwerfer. Das Tagfahrlicht wird erstmals durch Coronaringe mit
LED-Technik dargestellt. Das Heck gewinnt durch horizontal ausgerichtete
Linien an Breitenwirkung, die auch von den L-förmigen Rückleuchten mit
homogen strahlenden LED-gespeisten Lichtbänken unterstützt wird.
So sehr mich auch der
X6 auf den ersten Blick geflasht hat, so wenig vermag es der 5er GT auf den
zweiten zu schaffen. Allerdings wirkt er nach der Hinfahrt im Fond nicht
mehr ganz so pickelig, sondern vollständig auf Fahrer und Beifahrer
abgestimmt.
Nie im Leben wäre ich
darauf gekommen, dass soviel Kopffreiheit trotz der abfallenden Dachlinie
möglich ist. Der kurz zuvor getestete X6 zeigte nämlich genau hier seine
Contras. Aber beim 5er GT hat man wirklich von innen nach außen gedacht. Und
so langsam macht sich Sympathie für den Kleinen breit.
Endlich
selber Fahren
Nach einem kurzen Check-In im Hotel darf ich nun endlich auch selbst hinter
das Steuer. Die erhöhte Sitzposition ermöglicht einen komfortableren
Einstieg und bringt mehr Übersicht im Straßenverkehr. Auch das Cockpit gibt
sich tadellos verarbeitet. Der Fahrer wird in der Mittelkonsole mit einem
großen Breitbild-LED-Bildschirm verwöhnt. Das I-Drive der neuesten
Generation sorgt für eine fixe Umsetzung der Befehle.
Für mich als
I-Phone-Freak der ersten Generation darf natürlich auch die USB-Integrierung
nicht fehlen. Diese funktioniert tadellos. Allerdings muss für den perfekt
integrierten Musik-Geschmack, wie auch bei anderen Herstellern, ein
spezielles Kabel optional dazu geordert werden. Die Sicht nach hinten ist
gleichgestellt mit der des X6, gnadenlos schlecht und ein Tribut an das
Design. Dessen war sich BMW wohl bewusst und lässt deswegen serienmäßig das
Park Distance Control System einbauen. Natürlich nur für das Heck, denn
rundherum „Piep Piep“ kostet extra. Dennoch ist die optional erhältliche
Rückfahrkamera hier eine sinnvolle Zusatzinvestition.
Dank des brillanten
Displays ist das Rückfahrbild gestochen scharf und aktiviert sich fast ohne
Zeitverzögerung. Ein deutlicher Fortschritt zum X6, der derzeit noch mit dem
alten System ausgeliefert wird. Doch nun wird erstmal der Motor gestartet.
Es erwartet uns eine mehrere hundert Kilometer lange Ausfahrt an der Küste
entlang, über kurvige Gebirgsstraßen und durch das wunderschöne Lissabon.
Top-Motor zieht
Top-Speck
Für ordentlichen Vortrieb sorgt der allseits geschätzte
Dreiliter-Doppelturbo 35i, der komplett neu überarbeitet daherkommt.
Erstmals werden Turboaufladung, Benzin-Direkteinspritzung und die
vollvariable Ventilsteuerung VALVETRONIC miteinander kombiniert. Das soll
für einen noch effizienteren Verbrauch sorgen. Von 1.200 bis 5.000
Umdrehungen stehen bei einer Leistung von 306 PS stramme 400 Nm an maximales
Drehmoment zur Verfügung. Damit gelingt dem Reihensechser der Sprint von
Null auf 100 km/h in nur 6,3 Sekunden und ein maximaler Top Speed von 250
km/h (abgeregelt) ist möglich.
Wer allerdings zwei
Tonnen auf den Rippen hat, muss sich nicht wundern, wenn selbst das beste
Aggregat irgendwann einmal schlapp macht. Das für einen Benziner
normalerweise sehr angenehme Drehmomentband verpufft beim 5er GT geradezu.
Erst im hohen Drehzahlbereich scheint sich der Reihensechser wieder wohl zu
fühlen.
Doch
so sportlich wird wohl das Grosse der Käufer eher selten mit dem Bavaren
unterwegs sein. Hier geht die Empfehlung eindeutig in Richtung 3.0d. Sattes
Drehmoment aus dem Keller mit einem effizienten Verbrauch, das sind heute
die Zauberworte. Wer nach mehr Power schreit, bekommt mit dem 550i satte 407
PS aus einem TwinTurbo V8 .
Fahrwerk: Gran
Turismo Deluxe
Das Fahrwerk ist über
jeden Zweifel erhaben, so wie es sich eben für einen BMW gehört. Dafür sorgt
unter anderem das adaptive Fahrwerk mit Wankstabilisierung (3000 Euro). Bei
schneller Kurven-Hatz wird jedoch schnell deutlich, dass es BMW sehr ernst
mit der Charaktergebung eines komfortbetonten Reiseautos meint. Der GT lässt
sich ungern reizen und neigt eher zum sicherheitsbetonten Untersteuern. Das
Heck meldet sich nur bei hart provozierten Lastwechseln zu Wort.
Dennoch meistert die
Limousine auch sportliche Kurvenfahrten mit absoluter Souveränität und lässt
die Freude am Fahren nicht vermissen. Das Lenkrad lässt sich je nach
aktiviertem Modus leichtgängig (comfort, normal) oder straff (sport und
sport +) bewegen. Ebenso werden hierdurch Fahrwerk und
Motoransprechverhalten beeinflusst. Das bei den Bayern naturgemäß präzise
Lenkradverhalten ist nach wie vor gegeben, fühlt sich aber etwas
sanftgängiger als gewohnt an - passend zum Reise-Charakter.
Steptronic: hier und
da ein wenig schaltfaul
Im Stadtverkehr hat das erstmals außerhalb des BMW 7ers erhältliche
Acht-Gang-Steptronic-Automatik-Getriebe mit deutlichen Problemen zu kämpfen.
Viel zu oft reagiert die Automatik selbst im Sportmodus zu träge und nimmt
Gasbefehle oft sehr verzögert wahr.
Gerade in einer Stadt
wie Lissabon mit viel Kreisverkehr und kurzen Beschleunigungspuren wird
diese Schwäche sehr schnell deutlich. Auf Landstraßen oder der Autobahn gibt
es nichts zu meckern, hier erfüllt der GT in allen Belangen tadellos seinen
Job und darf sich ohne wenn und aber als exzellentes Reiseauto betiteln
lassen.
Große
Klappe, kleine Klappe
Beim Fotoshooting in einem kleinen Fischerdorf fallen mir weitere Details am
GT auf. Sofern irgendwie möglich lässt sich BMW immer etwas einfallen, um
den Kofferraum zweizuteilen. Im Gran Tourismo wurde dies interessant gelöst.
Im Normalfall fasst der Kofferraum akzeptable 440 Liter an Volumen.
Zusätzlich wurde eine Trennwand gegen lästige Luftzüge im Fond installiert.
Bei Bedarf können die Rücksitze umgeklappt werden und der Stauraum wächst
auf 1.700 Liter.
Wer nur schnell
Kleinigkeiten in den Kofferraum legen möchte, kann dies mittels einer
kleinen Kofferraumklappe tun. Besonders in Garagen mit niedrigen Decken ist
die kleine Luke Gold wert. Wird es dann doch etwas mehr, lässt sich die
gesamte Heckklappe wie bei einem Liftback öffnen.
Fazit:
Bestseller Charakter
Nach dem Aussteigen
fällt ein weiterer Blick auf die Karosserie. Und irgendwie ist es nun
Wirklichkeit geworden, er gefällt mir so langsam. Ich kann nicht sagen
warum, aber erst in seiner Gesamtheit weiß man dieses Auto wirklich zu
würdigen. Der Gran Tourismo wird definitiv polarisieren. Das ist so klar wie
das Amen in der Kirche. Dennoch ist er eine exzellente Wahl für gut betuchte
Vielfahrer, vierköpfige Familien oder auch als Chauffeursauto.
Die neutrale Auslegung
des Fahrwerks und die leichtgängige Lenkung lassen ein wenig den BMW
typischen Sport-Charakter vermissen. Der Innenraum glänzt dafür mit Luxus
auf 7er Niveau. Und genau deshalb hat der neue 5er Gran Turismo durchaus das
Potential zu einem Bestseller.
Datenblatt BMW 535i
Gran Turismo
Hubraum: 2.979 ccm
Leistung: 306 PS bei
5.800 U/min
Drehmoment: 400 Nm bei
1.200 – 5.000 U/min
Vmax: 250 km/h
(abgeriegelt)
Beschleunigung 0- 100
km/h in 6,3 s
Durchschnittsverbrauch: 8,9 Liter/100 km
Gewicht nach DIN (EU):
1.940 (2.015) kg
Preis: ab 55.700 Euro
Text &
Pics: Mario-Roman Lambrecht |