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Hamburg, 27.04.2009: Autopräsentationen sind meist delikate,
stressige und nicht immer befriedigende Veranstaltungen. Wenn allerdings
ein Auto wie der
Audi R8 5.2 V10 auf dem privaten Ascari Race Ressort
getestet werden darf, würde ich mir die Knie wundschrubben, um dabei sein zu
dürfen. Ich durfte schon auf viele Rennstrecken, Ascari ist für mich aber
immer noch etwas Besonderes. Die Knie sind heil geblieben - und den
Zehnzylinder durfte ich auch ohne lange Bettelei in Marbella erleben.
Bevor wir die Ohren verzückt dem Zehnzylinder entgegenstrecken, kommt uns
zuerst sein Name entgegen:
Audi R8 5.2 FSI quattro. Hey, da könnte man
gleich den neuen Bundeswirtschaftsminister reinsetzen. Dessen Name ist
ähnlich lang und ohne Emotion gestrickt. Ganz nebenbei könnte Karl-Theodor
Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und
zu Guttenberg mit dem Kauf des neuen Firmenwagens die Konjunktur ankurbeln.
Mann will ja Vorbild sein.
Hörte die Studie noch auf den eleganten Namen „Audi R8 LeMans“, gibt es
beim Straßenmodell pure Nüchternheit. Seinem großen Bruder der italienischen
Tochter hört man schon beim Aussprechen seine Rasse an:
Lamborghini Gallardo.
Rrrrrr – das hat Klasse. Aber bei der Namensgebung waren die Deutschen
Automobilhersteller nie besonders kreativ, sie glänzten dafür umso mehr mit
Liebe zum Detail.
Einen besonderen Detailblick braucht der Betrachter, um die Unterschiede zu
seinem schwächeren
V8-Bruder auszumachen. Unter anderem sind die Sideblades
zur Kühlung des Motors und der hinteren Bremsen weiter ausgestellt und
tragen eine zusätzliche Kante. Die Schweller sind ebenfalls deutlich breiter
ausgeformt, die Entlüftungsgitter am Heckfenster in matter Aluminiumoptik
gehalten.
Besonderer Augenschmaus ist das unter einer großen Heckscheibe liegende V10
FSI Aggregat. Wie ein Gemälde gibt der R8 dem Betrachter sein Innerstes
preis – in Verbindung mit der Coming-/Leaving-Home-Funktion inszenieren
sechs LED-Lichtquellen seine technische Schönheit.
Die im R8 V10 serienmäßig verbauten LED-Frontscheinwerfer bringen ungeahnte
Helligkeit auf die Straßen. Mit einer Farbtemperatur von satten 6.000 Kelvin
geben die Scheinwerfer ein fast taghelles Licht ab. Das schont die Augen und
auch den Geldbeutel, die LEDs sollen eine fast unbegrenzte Lebensdauer
vorweisen können. Allerdings schien genau dieses helle Licht einige
Passanten in Marbella ordentlich zu blenden. Das ebenfalls serienmäßige,
dynamisch geformte Tagfahrlicht bündelt 24 LEDs zu einem durchgängigen Band
und ist Passanten-tauglicher.
Im
Heck des R8 5.2 FSI quattro dominiert hochglänzendes Schwarz. Auch die
Gehäuse der Rückleuchten sind dunkel eingefärbt – LEDs, in tubenförmigen
Körpern montiert, erzeugen hier ein dreidimensionales Lichtbild. Die
hinteren Luftöffnungen tragen nur zwei Querstege und die Abgasanlage läuft
in zwei mächtigen, ovalen Endrohren aus (der R8 hat vier runde Endrohre).
Der voll verkleidete Unterboden mündet in einen weit nach oben gezogenen
Diffusor; der Heckspoiler fährt bei 100 km/h selbsttätig aus. Sein Innenteil
ist so ausgelegt, dass es im Ruhezustand Wärme aus dem Auspuffbereich
ableitet.
Der großzügige Innenraum ist Audi typisch nüchtern und aufgeräumt. Er wirkt
sportlich und bietet dennoch einen zurückhaltenden Hauch von Luxus. Positiv
hervorzuheben ist das vor der Schaltung angebrachte MMI Bediensystem. So
lässt sich das System wesentlich komfortabler handeln. Wer dem rassigen
Klang aus dem Heck mal entfliehen möchte, ist mit der Bang & Olufsen
Soundanlage bestens bedient.
Pedalen, Schaltwippen, Fußstützen sowie Schweller sind allesamt in
Aluminium-Optik gehalten. Der Innenraum lässt sich beliebig
individualisieren, beispielsweise mit Carbon-Optik und Alcantara bestückten
Sportsitzen. Zudem sind verstellbare Schalensitze über Audi exklusive
verfügbar. Der Umgang mit dem Gepäck ist ähnlich wie bei einem Porsche. 100
Liter passen unter die Fronthaube, weitere 90 Liter können allerdings
zusätzlich hinter den Sitzen verstaut werden. Sogar zwei Golf-Bags sollen
hier reinpassen.
Doch genug davon. Starten wir das Aggregat. Kaum erwacht, stellen sich mir
die Nackenhaare auf. Der Sound eines Zehnzylinders, auch wenn er durch die
Trennscheibe leider etwas gedämpft daher kommt, ist einfach herrlich
unverkennbar. Schon das Anfahren richtet die Nackenhaare auf. Ob der Sound
nun besser ist als der des V8, sei offen dahingestellt. Der kernige Klang
eines brummigen Achtzylinders bringt ebenso ein Lächeln auf die Lippen eines
Mannes.
Drücken wir das Gaspedal dahin, wo es sich am wohlsten fühlt: direkt aufs
Bodenblech. Mit Vollgas und lautem Jaulen setzt sich der R8 in Bewegung. Nur
3,9 Sekunden vergehen beim Sprint auf 100, weitere 8,1 Sekunden vergehen,
bis die 200 geknackt ist. Freudentränen entweichen den Augenwinkeln. Da wird
selbst Gouvernator Arnie zum Kind und Mattels Barbie pfeift auf Ken’s
plumpen Cadillac. Die Tränen verweilen nicht lange, denn der R8-Ballermann
zieht dermaßen gut an, dass sämtliche Tränen kurz vor den Ohren binnen
Sekunden getrocknet sind. Ein echter Rennwagen erlaubt nämlich nur einen
waagerechten Tränenfluss.
Der mächtige Hubraum von 5,2 Litern bringt gewaltige 525 PS auf die Straße.
Pro Liter Hubraum bedeutet das 100,9 Pferdestärken. Der FSI
Direkteinspritzer gibt bei 6.500 U/min satte 530 Newtonmeter an die Pneus
weiter. Erst bei Tempo 316 km/h geht dem Supersportler die Puste aus.
Natürlich wird die Kraft mittels quattro-Allradantrieb auf den Asphalt
gepresst. Um noch mehr Sportlichkeit zu ermöglichen, ist die Kraft der vier
Räder jedoch betont hecklastig ausgelegt. Trotzdem sorgt der quattro
natürlich für ein optimales Vorankommen und gibt auch den weniger geübten
Naturen genug Futter, ohne sich gleich um den nächsten Baum zu wickeln.
Der V10 Motor bietet mit einem Zylinderwinkel von 90° einen möglichst
niedrigen Schwerpunkt. Der komplette Motor wiegt nur 258 Kilogramm,
lediglich 31 Kilogramm mehr als der V8 mit seinen 4,2 Litern Hubraum. Das
Leistungsgewicht des 1.620 Kilogramm schweren Hochleistungssportwagens
beträgt 3,09 Kilo pro PS, der V8 schleppt im Vergleich 3,8 kg/PS mit sich
herum. Die Achslastverteilung des Mittelmotorsportlers liegt bei optimalen
44 zu 56 Prozent (vorne/hinten).
Bei den Schaltversionen scheiden sich die Geschmäcker. Die R-Tronic schaltet
im manuellen Schaltwippen-Modus äußerst hart und ruppig. Die
Sechsgang-Handschaltung ist daher in meinen Augen die bessere Wahl. Auch
weil sie dem Fahrer mehr Gefühl bei der Kontrolle gibt. Allerdings nervt
nach einiger Zeit das - anfangs als besonders cool empfundene - metallene
Klacken beim Einlegen der Gänge. Göttlich ist jedoch der Zwischengassound
beim Zurückschalten mit der R-Tronic. Die „Launch Control“, sowohl im
Schalter als auch in der R-Tronic integriert, lässt den R8 katapultartig
lossprinten. Wiederum völlig danebengeraten ist der Automatik-Modus im
Alltagsverkehr. Viel zu langsam reagiert die Automatik auf
unmissverständliche „Ich will überholen, also schalt jetzt gefälligst runter
und gib Gummi, du Zicke“-Befehle. Im Grunde genommen darf hier der
persönliche Geschmack entscheiden. Beide Variationen haben ihren Reiz.
Leider meinte es das spanische Wetter an diesem Tag nicht ganz so gut mit
uns. Ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Sonnenschein und Regenwolken, verdirbt
einem die Laune, den R8 richtig auszufahren. Besonders ärgerlich ist das,
weil die Bergregionen Richtung Rhonda einen Riesenspaß bringen. Doch selbst
auf nasser Fahrbahn vermag der Audi, dank seines quattro-Antriebs mit seinen
exzellenten Traktionsvorteilen, zu begeistern. Endlich angekommen im
geweihten Ascari Race Ressort, das schon vom zweifachen Formel 1 Weltmeister
Fernando Alonso als eine der anspruchsvollsten Strecken der Welt geadelt
wurde, steigt der Puls. Nur noch wenige Minuten. Helm aufgesetzt. Elektronik
mittels langem Knopfdruck deaktivieren. Der Mann mit der Flagge, er soll
endlich das Go geben. Und los geht es. Ich gebe Vollgas. Der R8 schrubbt
einmal kurz mit allen vier 19-Zöllern über den feuchten Asphalt. Kaum
bekommt er Grip, zieht er wie besessen von dannen.
Ich fahre den Schalter, spiele beim Gangwechsel mit dem Gas. Die Gänge
flutschen exakt rein. Nichts harkt, nichts schiebt. Das weckt Vertrauen und
fokussiert umso mehr den Blick auf die Rennstrecke. Mit einem Druck auf die
„magnetic ride“ Taste wechselt das Fahrwerk in den straffen Sportmodus. Nach
der ersten vorsichtigen Runde geht es nun schneller voran. Immer mehr
versuche ich, die Grenzen des R8 auszuloten. Die optional erhältlichen
Keramik-Bremsen lassen mich jeden Bremspunkt unerbittlich spüren, so hart
packen sie zu.
An einer engen Ausgangskurve erwischt es mich dann fast. Ich kupple zu spät
ein, das Heck droht auf der nassen Fläche auszubrechen. Doch kaum sitzt der
Gang, schon geht es im sanften Power Slide um die Kurve. Herrlich, wie
kinderleicht der Wagen um die Kurve driftet. Keine Frage, dieser Fahrfehler
hätte mich in einem gleichstarken
Porsche GT2 einen freundlichen Dreher ins
Gras gekostet - und den hämischen Applaus der Kollegen gleich dazu. Der R8
aber lässt sich behutsam wieder einfangen, vorausgesetzt man bewahrt die
Ruhe und reagiert schnell.
Rein vom Gefühl ordnet sich der R8 V10 irgendwo hinter dem Porsche 997 Turbo
und vor dem eher gemütlichen
BMW M6 Coupé ein. Der Sauger fühlt sich erst in
den oberen Drehzahlbereichen jenseits der 6.000 wohl. Dagegen fühlt sich der
Bi-Turbo des Porsche natürlich erstmal brachialer an. Interessant auch der
Unterschied im Grenzbereich. Während 997 Turbo und R8 V10 mit aktivierter
Elektronik geradezu narrensicher in der Kurve bleiben, fühlt sich der
"normale" 911er
mit deaktiviertem PSM deutlich giftiger, dafür aber auch fahraktiver an. Der
R8 V10 bleibt hier deutlich gelassener, was ungeübten Fahrern auch gerne zu
Übermut verführt. Aber auch beim spurtreuen Ingolstädter gilt: irgendwann
kommt er, der Grenzbereich. Und wenn er kommt, dann aber richtig.
Kommen wir zum finanziellen Prozedere. Kassiert man für seinen zuverlässigen
Altwagen die Abwrackprämie, so verbleiben zum Erwerb des Audi R8 5.2 FSI
quattro summa summarum immer noch knackige 139.900 Euro (cash: 142.400
Euro), die es zu bezahlen gilt.
Für mich gilt daher: Den Lotto-Jackpot hat sich irgendein anderer Heini
geschnappt und die Bank will selbst nach dem Niederknien im Staub kein Geld
rausrücken. So bleiben nur die Erinnerung und die Freude an einen gelungenen
Sportwagen mit italienisch-bayerischem Charakter. Und das freudige Erlebnis,
den R8 V10 da ausgefahren zu haben, wo ihn wohl die wenigsten seiner
wohlhabenden Käufer hinbewegen werden: auf der Rennstrecke.
Fazit:
Es war mir nicht sehr viel Zeit gegönnt, das Auto wirklich auf Herz und
Nieren testen zu können. Ein erster Eindruck blieb aber schon hängen. Der R8
V10 hat endlich einen Motor bekommen, der auch zu seinem Aussehen passt. Im
Alltagsverkehr hat sich der Audi sowohl mit R-Tronic als auch mit Schalter
bestens bewährt.
Dennoch wäre es schön gewesen, dem Ingolstädter ein wenig mehr Biss zu
geben, besonders im Sportmodus. Es bleibt also abzuwarten, ob Audi noch eine
puristische RS Version für die Straße nachschieben wird. So gesehen ist der
R8 V10 einer der gutmütigsten Supersportler, den es derzeit zu kaufen gibt.
Note: 2+
pro
+ tolles und eigenständiges Design
+ charakteristischer Sound
+ exzellentes Interieur
+ MMI endlich vorteilhaft platziert
+ LED-Frontscheinwerfer lassen die Nacht zum Tage werden
contra
- etwas schlapp im untertourigen Bereich
- R-Tronic leistet sich im Alltag Schwächen
- schlechte Übersicht nach hinten
Datenblatt:
Antriebsart: Allrad |
Hubraum: 5.204
cm³ | Leistung: 386
kW (525 PS) bei 8.000 U/min |
Drehmoment: 530
Nm bei 6.500 U/min | Vmax: 316 km/H |
Co2 Emission g/km: 351
(EU4) |
Beschleunigung 0-100 km/h:
3,9 s |
Durchschnittsverbrauch:
14,7 l/100 km |
Gewicht:
1.620 kg |
Preis:
ab 142.400 Euro inkl. MwSt.
Text & Pics: Mario-Roman
Lambrecht
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